von Hedwig Herdes
Die Gemeinden unserer Heimat haben Spitznamen, Ortsneck- oder Spottnamen. Nachbargemeinden charakterisierten sich meist spöttisch untereinander. Eigenarten, Verhältnisse der Dorfbewohner oder historische Hintergründe fanden Niederschlag in den meist derben, treffenden, mundartlichen Spitznamen. Die Layer befinden sich in guter Nachbarschaft mit z.B. den "Winninger Blau-Köpp", "Waldöscher Heckeböck" oder den "Musselwäiser Puddelsbauere". Letztere wurden so genannt, weil sie die Jauche (Puddel) aus den Karthäuser Kasernenlatrinen auf ihre Felder brachten und die so gedüngten Kartoffeln wieder an die Kasernen verkauften! Die Moselweißer, von den Layern auch "Puddelsch..." genannt, verspotteten ihrerseits die armen Layer Nachbarn mit dem Spruch:
"Lay, o Lay, dau arme Stadt,
Kommissbruuts´küürscht, on die net satt,
Krombieresopp, on die net warm,
ou, bat es dat Lay su arm!"
Die anschließenden Keilereien endeten aber meist friedlich! Die Layer wurden mit dem für Auswärtige völlig unverständlichen Spitznamen: "Kuoleroffer" geneckt.
Er hob (roffte) Kugeln (Kuole) auf, die er auf einem strategisch wichtigen Berg, der nahegelegenen Karthause fand. Der Moselaner erreichte diese Anhöhe auf dem fußläufigen Verbindungsweg zur Stadt Koblenz, dem Ankerpfad.
Seit Einführung der Schusswaffen gab es auf der Karthause Verteidigungsanlagen. Bereits 1433 wurde die Zufahrt zur Stadt Koblenz z.B. durch Wachhäuschen und Pforte auf dem "Layer Feld" gesichert. Die Schweden legten 1632 neue Befestigungen an. Als 1792 die Franzosen Koblenz bedrohten, wurden wieder Batterien errichtet, es entstanden u.a. die "Layer Schanze", die "Schwarzbildchen-Schanze", die "Mosel- und Karthäuserschanze". Sie wurden nacheinander abgerissen bis die preußische Regie-rung das Kartäuser Kloster nach der Säkularisation erwarb, um hier das "Fort Großfürst Konstantin" zu errichten. Es entstand in den Jahren 1822-1832 auf der Anhöhe über dem heutigen Koblenzer Hauptbahnhof. Die Moselseite wurde durch den Bau des Forts "Großfürst Alexander", gesichert (heute Gelände der "alten" Fachhochschule). Die beiden Festungsanlagen waren durch einen 550 m langen Tunnel verbunden.
Es gab mehrere Schießstände auf der Karthause. Zum Auffangen der Kugeln wurden 3-10 m hohe
Erdwälle errichtet. Es ist nicht bekannt, ob es an der mangelnden Schießkunst oder der
Experimentierfreudigkeit des Militärs lag, jedenfalls landete manches Geschoss weit außerhalb
der Kugelfänge. Nach einem amtlichen Hinweis aus dem Jahre 1872 waren bei Schießübungen
zuweilen auch Menschen im Schussfeld, die sich auf der Moselstraße (zwischen Lay und
Moselweiß), in den Steinbrüchen "Im Hamm" oder in den angrenzenden Wingerten
aufhielten. In diesem Bereich "rafften" Layer Bürger sicher viele Kugeln auf. Selbst in
jüngster Zeit fand Mathias Reick aus Lay in seinem Wingert am Ankerpfad eine 2.500 g schwere
Eisenkugel (Ø 8,5 cm). Ergiebiger war natürlich der Bereich der Kugelfänge. Da es für die
Layer keinen Zugang zu einem militärischen Gelände gab, fanden sie folgenden Ausweg: Durch
geschickte Verhandlungen und entsprechende Gegengaben "übersahen" die Soldaten, dass die
Kuoleroffer unter den Absperrungen Tunnel gruben, um so an die begehrten Fundorte für die Kugeln zu
gelangen. Bei Schießübungen war das Suchen strengstens verboten und wurde gerichtlich geahndet.
Vielleicht interessiert es den Leser, dass die Layer es hier mit Soldaten des 3. Rheinischen Infanterie-
Regimentes, den "68ern" (6. Rhein. Inf. Reg.), dem 1. Rhein. Artillerieregiment und dem
Garderegiment der Königin Augusta zu tun hatten.
Die gefundenen Geschosse waren sehr unterschiedlich in Form und Größe und brachten entsprechend viel ein oder wurden für verschiedenste Zwecke in Haus und Hof verwandt. Ob sich diese Sucherei für unsere Vorfahren gelohnt hat? Eine amtliche Verlautbarung gibt uns auf diese Frage Auskunft. 1830 verspricht das Königliche Kriegsministerium Privatleuten Finderlohn für die Abgabe eines Geschosses aus einem sogenannten "gezogenen Geschütz". Welche Freude mag einen Layer Kuoleroffer erfüllt haben, wenn er solch einen besonders kapitalen Fund machte! Es handelte sich zum Teil um 25 Pfund schwere Geschosse, deren Eisenkern mit einem Bleimantel versehen war. Pro Pfund Eisen konnten 2 Pfennige, pro Pfund Blei 3 Pfennige erzielt werden. Das Allgemeine Kriegsdepartement erweiterte den Finderlohn auch auf die Abgabe von "Kartätschen" (mit Kugeln oder Bleispänen gefüllt!)
Nach meiner Ansicht waren Layer Kuoleroffer mindestens über 100 Jahre lang auf der Suche nach verschiedenen Kugeln. Eine traurige Erwähnung vom 14.8.1851: Der 15jährige Franz Laux aus Lay hatte an diesem Tage von der Karthause eine verschossene, aber noch nicht explodierte Platzkugel nach Hause gebracht und das herausgeschüttete Pulver entzündet. Das Feuer griff auf die Kugel über, sie explodierte und tötete den Knaben auf der Stelle.
Es gibt sogar eine erste amtliche Erwähnung eines Layer Kuoleroffers: Im Familienbuch der Pfarrei Lay ist Wilhelm Exius als "Kuoleroffer" eingetragen (geb. 1810, ertrunken 1861). Hinter diesem Eintrag steckt eine Tragödie. Exius war am 25.6.1861 trotz wiederholt scharfer Verbote auf Kugelsuche bei dem Infanterie-Schießstand auf der Karthäuser Anhöhe. Vor Patrouillen ergriff der Vater von vier Kindern die Flucht und hoffte, sich durch einen Sprung in die Mosel retten zu können. Der Strom aber gab den Flüchtling nicht mehr frei. Doch weiterhin waren die Layer auf der Suche nach Kugeln. Offensichtlich hörte diese Tätigkeit irgendwann nach dem I. Weltkrieg auf. (Verbot nach Tunneleinsturz, so wird mündlich überliefert.)
Die Layer brauchen sich ihres Spitznamens beileibe nicht zu schämen, zeigt er doch, mit welchem Einfallsreichtum unsere Vorfahren es verstanden, selbst aus Abfall des Kriegshandwerks ihren Vorteil zu ziehen. Dass dieser Spitzname nicht in Vergessenheit gerät, verdanken wir auch dem Obst- und Gartenbauverein Lay. Er ließ zu seinem 40jährigen Bestehen durch den Koblenzer Künstler FRITZ BERLIN († 14.4.1997) den Layer Kuoleroffer dauerhaft lebendig werden. Der pfiffige Layer Jung, für den der Schüler Christian Groß aus Lay Modell gestanden hat, begrüßt seit dem 23.3.1997 auf dem Kirchenvorplatz jeden Besucher.