Moseleisgang 1830

von Walter Kalb, Heimatkalendar 1959, Landkreis Koblenz

Clemens Brentano schilderte in seinem Gedicht "Moseleisgangslied" den Eisgang der Mosel im Jahre 1830. Am 1. März 1830 veröffentlichte das "Frankfurter Abendblatt" auch eine Prosa=Darstellung dieses Naturereignisses, die vielleicht auch von Brentano stammt:

"Es ist ein großartiges Naturereignis an uns vorübergegangen. Wir haben einen Eisgang gehabt, wie er seit 1774 nicht mehr gewesen, und dennoch war's die lotharingische Jungfrau, die sich ihrer Bürde entledige; den Zorn des alten Rhein haben wir noch zu erwarten. Am 10. Februar, nachmittags gegen 5 Uhr, erscholl durch die Stadt Koblenz der Ruf: die Mosel kommt. In weiter Ferne erblickte man von der Moselbrücke; aus den Andrang der Eisschollen. Das Wasser hob die feste Eismasse, die sich an die Brücke angelehnt hatte; das Eis barst und warf die ungeheuren Schollen mit großem Getöse an die Brückenpfeiler."

Lay Ende der 1950er

Der Dichter Brentano vergleicht dies Stürmen der Mosel zum Rhein hin mit einer Vermählungsfeier von Riesen in den Worten:

"Der Brücke Gurt erbebt,
Ein Brautschmuck in dem Tanz,
Sie rast, sie stürmt, sie schwebt
Und blitzt im Mondesglanz.
Die Fesseln, das Geschmeid
Streut sie im Feld umher,
Nie war ihr Winterkleid
So kalt, so blank, so schwer."

Die feste Eismasse löste sich immer mehr, dem Druck des Wassers und der Schollen nachgebend, und wälzte sich dann mit Brausen und Zischen dem Rheine zu. Der Anblick des Gewühls der Schollen, die sich überstürzten, machte schwindeln. Die Eismasse wogte mit reißender Schnelligkeit vorüber; dann fing sie an zu stocken und sich kaum noch fortzubewegen. Das Eis hatte vor Neuendorf, einige hundert Schritte vom Ausflusse der Mosel in den Rhein, einen Damm gebildet; das Wasser staute sich und drängte die Eismassen zurück, teils rhein=, teils moselaufwärts. Die Mosel hob das Rheineis; es wich der Gewalt krachend und berstend, aus jeder Öffnung das Wasser hoch emporspritzend. Die ganze Eisdecke des Rheins bewegte sich rheinaufwärts. Bald war der leicht kennbare Weg über das Rheineis weit über den Krahnen hinaus gedrängt, und große Massen Moseleis wälzten sich dem Brückenkopfe zu. Das Wasser schwoll immer mehr und mehr, und die Eisrnassen wüteten fürchterlich mit starkem Krachen, anhaltendem Kleingewehrfeuer ähnlich, in den Rheinschiffen. Ein Schiff wurde in der Mitte durchgeknickt, einem dünnen Rohre gleich, so daß, als das Wasser abgelaufen war, Bug und Heck hoch aus den Eismassen hervorragten. Der vor Neuendorf durch das Eis gebildete Damm war von der Gewalt des Wassers durchbrochen; das Wasser fiel, und alles schien ruhig. Da verkündeten gegen 8 Uhr abends Kanonenschüsse neue Gefahr. Es hatte sich an derselben Stelle ein zweiter Damm gebildet und warf die Wasserrnasse zurück. In wenigen Minuten hatte das Wasser die vorige Höhe erreicht und stieg immer höher, drang durch die Schießscharten der Befestigungsmauer und setzte die niedrig gelegene Rhein= und Moselseite der Stadt unter Wasser. Der Eisdamm von Neuendorf wurde zum zweiten Male geworfen, und das Wasser lief ab. Noch vor Mitternacht fand eine ähnliche Hemmung mit denselben Folgen statt, und als auch diese durch die Gewalt des Wassers gehoben war, schwand die letzte Gefahr. Der anbrechende Tag vergönnte erst, die Verwüstung, die der Eisgang angerichtet, zu überschauen. Wohin das Auge blickte, war neues Eis zu sehen. Große Eisblöcke hielten die Trierer und Kölner Chausseen versperrt, viele Gartenmauern waren eingestürzt, alle vor dem Moseltore liegenden Gärten mit 10-15 Fuß hohen Eismassen bedeckt, das ganze Neuendorfer Feld war davon überschüttet, und mitten auf diesem standen mehrere Moselschiffe, welche die Gewalt des Wassers und des Eises dahin geführt. Die Mosel hatte bei der höchsten Wasserhöhe sich von der Brücke aus einen direkten Weg nach Neuendorf gebahnt; glücklicherweise fiel aber in dem Augenblick das Wasser, als die heranwogenden Eismassen das Dorf zu zerstören drohten; das Eis senkte sich dann zu Boden und blieb kaum einige Schritte vor dem Dorfe liegen.

In den nahegelegenen Moselorten hatte das Wasser mehr oder weniger Schaden angerichtet. Das ganze Dorf L a y, eine Stunde von hier, ist in 30 Fuß hohem Eis begraben. Das Fachwerk der zunächst an der Mosel gelegenen Häuser ist durchbrochen, sie ruhen auf einem Eisfundament und müssen, wenn dieses schmilzt, zusammenstürzen. Das im Abfluß gehemmte Wasser überraschte hier einen Mann mit Frau und zwei Kindern im unteren Stock. werk. Sie hatten kaum Zeit, die Treppe hinauf zu eilen, und selbst dahin verfolgte sie das Wasser. Da trat der Mann, die beiden Kinder im Arm, mit einem Fuß auf das Bett, mit dem andern auf ein Faß; das Wasser steigt immer höher, die Frau klammert sich an seine Schulter, da, als das Wasser ihm bis an den Hals, sein Kopf bis an die Stubendecke reicht, entgleitet seinen Händen das jüngste Kind. Ein grauenvoller Anblick, als der Vater, um die Mutter und das zweite Kind über dem Wasser zu halten, ruhig bleiben und das Kind vor seinen, Augen ertrinken sehen muß. Wäre das Wasser noch einen Fuß gestiegen, so war die ganze Familie rettungslos verloren, weil kein Ausweg aus der engen Stube bei der Wasserhöhe zu finden war. Das Kind lag, als das Wasser abgelaufen, tot am Boden. Das Haus war während dieser Szene durch die Eismasse zehn Schritte von der Stelle gerückt, ohne zusammenzustürzen. In Lay sowohl wie in Winningen sind mehrere Häuser rein wegrasiert; die niedrig gelegenen Weinberge sind ganz mit Eis bedeckt.